Mac katholisch <> DOS protestantisch
Bin ich etwa doch Katholik? Es scheint möglich zu sein, zumindest behauptet Umberto Eco das in seinem Text aus dem Jahr 1995:
Ungenügende Beachtung hat der verborgene neue Religionskrieg gefunden, der im Begriff ist, unsere moderne Welt tiefgreifend zu verändern. Ich habe den Verdacht schon lange, aber jedesmal, wenn ich ihn irgendwo erwähne, stelle ich fest, dass die Leute mir spontan zustimmen.
Tatsache ist, dass die Welt sich heute in Benutzer des Macintosh und Benutzer der mit DOS laufenden Computer teilt. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Macintosh katholisch und DOS protestantisch ist. Mehr noch, der Mac ist katholisch im gegenreformatorischen Sinn, durchdrungen von der jesuitischen “ratio studiorum”. Er ist heiter, freundlich und entgegenkommend, er sagt dem Gläubigen, wie er Schritt für Schritt vorgehen soll, um wenn nicht das Himmelreich, so doch den Moment des erfolgreichen Ausdruckens der Datei zu erreichen. Er ist katechistisch, das Wesen der Offenbarung wird in verständliche Formeln und prächtige bunte Ikonen gefasst: Jeder hat Anrecht auf das Heil.
DOS dagegen ist protestantisch, ja geradezu calvinistisch. Es sieht eine freie Auslegung der Schriften vor, es verlangt schwierige persönliche Entscheidungen, es zwingt dem Gläubigen eine subtile Hermeneutik auf und nimmt als gegeben, dass nicht jeder zum Heil gelangt. Um das System funktionieren zu lassen, sind persönliche Exegesen des Programms erforderlich. Weit entfernt von der barocken Festgemeinde, sitzt der Benutzer eingeschlossen in der Einsamkeit seiner Gewissensnot.
Man wird mir entgegenhalten, mit dem Übergang zu Windows habe die DOS-Welt sich der gegenreformatorischen Toleranz des Macintosh angenähert. Richtig: Windows repräsentiert ein Schisma vom anglikanischen Typus, grosse Zeremonien in der Kathedrale, aber stets mit der Möglichkeit einer schnellen Rückkehr zu DOS, um aufgrund bizarrer Entscheidungen eine Vielzahl von Dingen zu ändern; letztlich könnte man, wenn man will, auch das Priesteramt den Frauen anvertrauen.
Natürlich haben Katholizismus und Protestantismus der beiden Systeme nichts mit den kulturellen und religiösen Positionen ihrer Benutzer zu tun. Neulich musste ich entdecken, dass Franco Fortini, der strenge und immer zerquälte Dichter, der noch dazu ein erklärter Feind der Gesellschaft des Spektakels ist, auf einem Macintosh schreibt, es war kaum zu glauben. Allerdings muss man sich fragen, ob die Benutzung des einen Systems anstelle des anderen nicht auf die Dauer zu tiefen inneren Verwerfungen führt. Kann man ernstlich DOS-User und zugleich aufrichtiger Papst-Fan sein? Und übrigens: Hätte C61ine mit Word, mit WordPerfect oder mit Wordstar geschrieben? Hätte Descartes in Pascal programmiert?
Und die Maschinensprache, die im tiefen Untergrund über das Schicksal beider Systeme entscheidet, gleich in welcher Umgebung? Nun, da sind Altes Testament, Talmud, Kabbala … *
Der Text ist zwar schon in die Jahre gekommen, doch meiner Meinung nach noch immer aktuell. Es mag zwar sein, dass mit Windows XP/Vista der PC sich dem MAC angenähert hat und sich entschied tridentinisch-katholisch zu werden. Doch dafür hällt nun LINUIX die Fakel des Protestantismus in Händen.
Jeder der schon einmal eine Mac – Windows Diskussion erlebt oder gahlten hat, wird die Zusammenhang mit religiösen Diskussionen nicht verleugnen können.
am 24. Mai 2007 um 20:26 Uhr.
tja und die große Frage bleibt: soll ich konvertieren *g*
am 29. Mai 2007 um 20:27 Uhr.
HIermit melde ich mich zurückn aus der Versenkung und muss sagen: einer der besten Posts ever für mich. Habe echt lachen müssen, denn die Beschreibungen sind zutreffend und passen für mich gut zu den Mac-Spots die Flo schon mal gepostet hat.